Réunion - beinahe eine deutsche Insel !

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Moderator: Deborah Imig

Réunion - beinahe eine deutsche Insel !

Beitragvon Gérard » Montag, 27. Nov 2006 19:40

Heute graben wir mal ein bisschen alte Geschichte aus, alt zumindest für reunionesische Verhältnisse! Die folgende Story ist vor allem in diesem deutschen Forum um die Insel Réunion herum hochinteressant, denn sie wird nur in sehr wenigen Geschichtsbüchern abgehandelt und schon gar nicht in den Schulbüchern, die uns ja sowieso nur koschere und sterilisierte Geschichte vermitteln sollen.

Im deutschen Parlament ging es nach dem dt-franz. Krieg 1870/71 hoch her! Nachdem der französische Diktator Napoleon ganz Europa verwüstet hatte, es buchstäblich in eine leere Landschaft fast ohne Menschen, ohne Äcker und ohne Vieh verwandelt hatte, brauchten die Staaten sehr lange, um sich von diesen wahnsinnigen Überfällen zu erholen! Noch nie zuvor und auch nie danach hatte es so schlimme Verwüstungen gegeben, noch nie wurde so viel Blut auf grausamste Weise vergossen. Der deutsche Staat fing an, sich um 1848 zu sammeln, zu gruppieren und erlebte mit dem Krieg 70 seine erste Bestätigung, seinen ersten gemeinsamen Erfolg, an dem alle Kleinstaaten Deutschlands beteiligt waren.

Nach dieser Erstarkung des neuen deutschen Reiches wurde im Parlament diskutiert, ob sich Deutschland jetzt auch auf das "koloniale Abenteuer" einlassen sollte. Denn Deutschland gehört jetzt plötzlich zu den Grossmächten. Alle anderen hatten bereits die ganze Erde kolonialisiert und zogen grosse Gewinne aus ihren kolonialen Besitzungen. Holland, Portugal, Spanien, England und Frankreich teilten sich den Planeten untereinander auf. Ein paar weisse Flecken blieben noch auf der Erdkarte und Deutschland versuchte in Afrika und Asien Fuss zu fassen. Der Kanzler selbst war gegen die Kolonien und meinte "Gott schütze uns vor den Kolonien"! Doch die begeisterten Parlamentarier überzeugten ihn. Auf der Weltausstellung in Leipzig sah man zum ersten Male öffentlich Senegalesen und Deutschland war noch im Siegestaumel, in Aufbruchstimmung.

1877 wurde über die koloniale Besitzung Réunion im deutschen Parlament abgestimmt! Sollte man die Réunion als Reparaturleistung von Frankreich übernehmen? Schliesslich meinten die Geographen, dass das Relief der Insel zu schwierig sei und besetzten dafür die Insel Zanzibar!

So blieb die Réunion damals weiterhin französische Kolonie und wurde übrigens jahrzehntelang mit einer anderen Insel gemeinsam verwaltet. Beide Inseln gaben die selben Geldscheine heraus und es herrschte ein reger Verkehr zwischen der Hauptstadt dieser Insel, Hellville und der Réunion, darunter auch der kleine, damals sehr wichtige Luftkurort Hellbourg! Diese kleine Insel war Nosy Bé, die von der Königin in Madagaskar abgetreten worden ist.

1877 war das Jahr, an dem die Réunion beinahe eine deutsche Besitzung geworden wäre! Wäre die Réunion dadurch anders geworden, hätte die Kolonie an Charme verloren?
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Reunion - beinahe deutsch?!

Beitragvon rolf.imig » Dienstag, 28. Nov 2006 01:00

Na, DAS ist ja mal 'ne abgefahrene Geschichte! Und das ist auch kein Scherz?! :o

Auch wenn Reunion nur ein paar Jahrzehnte deutsch gewesen wäre, ist dieses theoretische Szenario durchaus ein paar Reflexionen wert.

Leider habe ich die Länder der ehemaligen deutschen Kolonien in Westafrika noch nicht besucht, sodass ich mir kein richtiges Bild von den möglichen Auswirkungen einer deutschen Kolonialmacht machen kann.

Mir fällt dazu ein, dass beim französisch-britischen Konflikt (England kriegt Mauritius, Frankreich Reunion) ähnlich wie in der von Dir geschilderten Situation die geographische "Unattraktivität" Reunions zum Tragen kam. Ich wage deswegen jetzt mal die These, dass die infrastrukturelle Erschließung Reunions technisch bedingt also erst im 20. Jahrhundert und nur durch die massive finanzielle Förderung einer Industrienation möglich wurde. Meiner Meinung nach wäre dies jedoch nicht mit Deutschland erfolgt, da der politische Wille für ein derartiges Prestigeprojekt wohl nie stark genug ausgeprägt war, von der deutschen Bevölkerung mal ganz zu schweigen.

Aber es hätte vielleicht einen weiteren Eintrag unter http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_ ... Wortschatz gegeben?! :D

Gruß,
Rolf
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Geschichte....

Beitragvon Gérard » Dienstag, 28. Nov 2006 13:21

Ja, lieber Rolf, das ist heute deutsche Geschichte, die Aufnahme der Réunion wurde damals wirklich sehr ausgiebig diskutiert! Nun gut, Deutschland hätte die Insel sowieso wieder mit dem ersten Weltkrieg verloren, so wie sämtliche anderen Kolonien! Die koloniale aktive Zeit der Deutschen war danach sehr kurz. Je nach Kolonie zwischen 1884 und eben 1914. Deutsch-Südostafrika (das heutige Tansania, Rwanda, Uganda) hielt sich noch ein paar Jahre länger, da der Oberst von Lettow-Vorbeck bis 1918 partout nicht aufgeben wollte. Allerdings investierte das deutsche Reich in grossem Stil in seine Kolonien und die wenigsten Kolonien waren bei Kriegsausbruch so weit, überhaupt Gewinne abwerfen zu können. Der einzige Reunionese, der von diesen deutschen Investitionen überhaupt jemals profitierte, war ein kreolischer Senator, der sich die Plantagen der ehemaligen Kolonie Togo mit Familienmitgliedern um 1921 aufteilte und dadurch zu einem beachtlichen Vermögen und allerdings auch endlosen Prozessen und Skandalen kam. Es war also schon eine recht komplexe politische Situation gewesen, um es nett auszudrücken.

Ja, die Sprache wäre auch mit einer dreissigjährigen deutschen Kolonialzeit nicht viel anders geworden, eben kreolisch. Wir hätten ein paar deutsche Idioms gehabt, doch ich bin mir sicher, dass sich die dt. Kolonialherren an das verballhornte Französisch angepasst hätten! Im Englischen haben wir das Pidgin als Beispiel einer deformierten Ursprungssprache.

Übrigens fände ich es hochinteressant, einen Vergleich zwischen der kreolischen und der bayrischen Sprache, ja Kultur anzustellen! Hier gibt es zahlreiche ähnliche kulturelle Entwicklungen und in Bayern haben wir die gleiche Sprachproblematiken wie auf der Réunion, nämlich dieser permanente Zwiespalt mit der eigentlichen Grundsprache.
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